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Maria Janitschek, geb. Tölk

Geboren am 22. 7. 1859 in Mödling bei Wien
gestorben am 28. 4. 1927 in München.


Maria Janitschek veröffentlichte Gedichte (u. a. die Gedichtbände Irdische und unirdische Träume, 1889; Im Sommerwind, 1895; Gesammelte Gedichte, 1910) sowie Erzählungen, Novellen und Romane, in denen sie meist Liebes- und Eheprobleme schilderte.

Die Gedichte sind aus: »Im Sommerwind« (1895) und »Gesammelte Gedichte« (1910) entnommen.

 
Abend
Am Gipfel
An dich
Bestimmung
Das größte Leid
Das Weib
Davids Werbung
Der erste Kuss
Der Gast
Der stolzen Fraue Glück und Elend
Die alte Jungfer
Der Ungläubige
Die Liebestat
Die verstoßene Seele
Du Lose!
Ein Jahr
Entlarvung
Frühlingsnacht
Ganz
Geburtstagsgruß
Gesicht
Glückseligkeit
Hurrah, heil!
In Glorie
In Weiß
Kinderspiel
Liebeszauber
Mädchenfrage
Nächtiges Elend
Phantasie
Raststätte
Trost
Vorabend
Vorfrühling
Woher?
Zu spät

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Abend

Es ist so seltsam still,
so schwerstill,
steinern ...
Wenn doch ein einziger Schmetterling
durch die rotbraune Luft flöge!
An den schwarzen Bergen
hängen Nebelfetzen,
wie Spinnengewebe
an Kellermauern.

So seltsam still,
so schwerstill,
steinern ...
Horch, ein Ton! ...
Aus der Talschlucht
das Sterbeglöcklein ...
Wer wohl dort geht?


Am Gipfel

Frei ist die Aussicht! Fahle Morgennebel
hat flammend fortgeküsst des Mittags Mund;
vor meinen Blicken glänzen goldne Tale,
und tun mir ihre letzten Rätsel kund.

Frei ist die Aussicht! Drüben flattern Kränze
um weiße Marmorurnen .. hier, voll Lust,
verheißungsvoll die roten Lippen regend,
beut mir das Leben seine volle Brust.

Ich aber recke meine Arme aus:
in meinen rechten fass ich euch, ihr Toten,
in meinen linken dich, oh quellend Leben! ...


An dich

Meine Augen wie zwei stille Jungfraun,
die vorm Tabernakel knien und beten,
spenden heißer Liebe stumme Grüße,
dir, dem Gottesflammenüberwehten.

Bleib auf deiner gletscherkühlen Höhe,
wo die jungen Adler dich umkreisen,
steige nicht in meines Tales Enge,
einsam sind die Höchsten, die wir preisen.

Schläng ich auch um dich die Arme gerne,
schläferte dich ein mit süßen Weisen,
dass du selig bei mir träumtest, denke:
einsam sind die Höchsten, die wir preisen.


Bestimmung

Ein Felsen starrt zum Himmel wild und nackt,
zerfurcht, zerrissen, fahl, wie schartig Eisen,
an dem der Sommer sich verbluten muss.

Kaum dass in seinen schmalen Ritzen sich
der Schnee anklammern kann mit steifem Trotz,
der weiße, kalte, stille, tote Schnee,
das Leichentuch, das herb die Ewigkeit
um ihres stummen Sohnes Leib geschlungen.

O diese Ewigkeit mit ihrem Zwang
ins Große, ins Empfindungslose, Starre,
darin in purpurnem Geheimnisdunkel
die Gottheit brütet!

                            Reglos stand der Wächter
der Erde da und sah in grimmen Schweigen
die eigne kalte Unvergänglichkeit
indes zu seinen Füßen bunt die Zeit
in holdem Wechselspiele froh dahinzog.
Er sah das kleine Blühn des Lenzes, alle
die goldnen Schmetterlinge, Menschen, Blumen,
die ihres Mais sich freuten, sah die Quellen,
die munter sprangen; und in seine Stille
drang jubelnder Gesang der Wälder, drang
des Meeres majestätischer Choral,
der Winde leises Kichern ... Und der alte
ergraute Sohn der dunklen Zwingerin,
der finstern Ewigkeit, erglühte heiß
vor Sehnsucht nach dem bunten Blumenleben,
vor Sehnsucht nach des Lenzes weicher Torheit,
den goldnen Vögeln, der Musik, den Menschen,
den schönen, lichten Menschen.
                                           »Kommt zu mir!«
verkündete die rosenrote Glorie,
die von der Sonne er sich lieh, zu locken
die Warmersehnten. Doch kein Einziger
vermochte auf zu ihm.
                              Er war zu hoch
zu unerreichbar für die Menschenkinder.

»So will ich denn mich unter eure Fersen
hinbreiten, dass ihr wandelnd euern Fuß
auf meinen Nacken setzt«.

                                    Und donnernd, dass
die Erde bebte, stürzte er zusammen ...

Da aber fuhr im Wirbelsturm herbei
Jehova, und er blies mit zornigen Nüstern
in dieses Phönix Asche.

                                Himmelan
erheben Wolken aufgescheuchten Schuttes
sich brausend, dass die Sonne sich verfinstert,
und hinter ihnen treibt mit Flammenruten
der eifersüchtige Gott.

                              »Fort aus dem Tal,
hinauf, hinauf!«
                     Auf gelben weiten Flügeln
hinrasen die Atome des Gestürzten
den Sternen wieder zu ...

                                  »O Mai! du sanfter,
glückseliger Mai dort unten!« ...

Das größte Leid

Was ist das allerschwerste Leid
Das nicht verlöscht die Hand der Zeit!
Was ist das bitterste Verderben,
Noch bitt'rer als ein einsam Sterben?

Das ist: Wenn Lieb nach Liebe drängt
Und – Mitleid nur, statt ihr empfängt,
Das ist das allerschwerste Leid,
Das nicht verlöscht die Hand der Zeit.

Dein Mitleid, das beglückt mich nicht.
Nein! Liebe will ich, Sonnenlicht,
Nicht einer Lampe dürftigen Schein,
Nicht Honigwasser: Feuerwein.

O brennen sollst du, liebberauscht,
Dem Frühling hab ich's abgelauscht,
Wie der es tut mit seiner Erden,
Tu ich's mit dir, mein musst du werden.

Das Weib

Es war eine Geige;
unscheinbar und schlicht,
lehnte sie in einer Ecke
des prunkvollen Zimmers.

Ein großer Künstler
besaß die Geige ....

Es kamen Schüler
und Herren zu ihm,
um zu lernen
und um ihm zu schmeicheln;
feine Prinzen kamen zu ihm.

Manchmal hielten sie stumm
vor der Pforte des Hauses ..
Hatten die Sterne Stimmen bekommen?
War der Erde Feuer
in eine Seele geflohen
und schlug aus ihr
in tausend jauchzenden
klingenden Flammen?
Posaunten die Kriege
des jüngsten Tages
in erzenen Schreien
nieder?

Und die Lauscher
flogen hinauf in den Saal,
und sie trafen den Meister
mit brennenden Augen
und zitternden Pulsen.

»Wo ist das Werkzeug,
womit du den Himmel betörst?«
riefen sie.

Er aber deutete
gelassen auf alle
die samtenen, güldenen
Kästen, darinnen
auf seidenen Kissen
die kostbaren Geigen
gebettet lagen.

»Es wird wohl eine
von diesen sein«.

Und die Schüler warfen sich
über die funkelnden
Instrumente.
Aber keines besaß die Seele,
die sie singen gehört.
Und sie spähten und suchten,
und quälten die Saiten,
aber vergeblich.

Derbe Töne voll irdischen Wohlklangs
entlockte ihr Bogen;
doch jene himmlische,
bachantisch süße,
tolle, berückende,
wehlüsterne, selige,
glückselige Seele
sang ihnen nicht ...

Da entdeckte einer
die unscheinbare
in der Ecke lehnende
schlichte Geige.

Und er ergriff sie,
und begann sie zum Tönen
zu bringen.
Doch eine kalte
gefühlleere Antwort
ward seiner glühenden Frage ...

Nachdenklich sinnend
verließen die Schüler
das Haus ihres Meisters.

Aber als er allein war,
trat er zu jener
unscheinbaren
schlichten Geige ...

Und er berührte sie;
und es schluchzte und jauchzte
aus ihren Saiten
bei seiner Liebkosung.

Und es schluchzte und jauchzte
bei seiner Liebkosung,
und es schienen Blumen
unter seinen zitternden Fingern zu sprießen,
und wie Lachen
blutig geküsster Lippen,
wie Küsse kleiner unschuldiger Vögel
kams aus den Saiten.

Heil dir Geige!
der nur der eine
Jauchzen des Himmels entlocken kann.

Davids Werbung

Michal, Wunderschöne,
Lass mich seufzen nach dir,
Lass meinen Seufzer entschleiern
Dich, du Wunderschöne.

Tochter des kranken Löwen,
Noch sah ich nicht dein Antlitz,
Noch vernahm ich nicht deine Schritte,
Tochter des kranken Löwen.

Dämmerung voll von Geheimnis,
Noch glänzten mir nicht deine Sterne,
Noch kühlte mich nicht deine Kühle,
Dämmerung voll von Geheimnis.

Ahnst du, wer mir verraten
Deiner Schönheit zündende Zauber?
Deines Vaters Stimme war es,
Der im Traum deinen Namen aussprach.

Der erste Kuss

Triumphierend lag die gold'ne Landschaft,
Triumphierend lächelte der Himmel,
Triumphierend jauchzten die Geschöpfe.

Fluren dufteten und Ströme schäumten,
Alle Schwingen hatten sich entfaltet,
Aus den Larven drangen junge Leben,
Blumen trieben aus den Kirchhofsgräbern.

Welches Glück war denn herabgekommen,
Dass solch Festgejubel plötzlich herrschte?
War der Tod gestorben? Nein, noch Schöneres
War gescheh'n: Der Frühling war geboren.

»Frühling,« dachte Iris, durch die gold'ne
Erdreichduftige Wärme langsam wandelnd,
»Menschen, weshalb preist ihr nur den Frühling?« - - -

Sie verstand ihn nicht, die Königstochter.
Knospen gleich schlief ihre junge Seele,
Still behütet von der Hand des Vaters.

Sommer kam und ging.
Die Wintertage
Wichen neuem Lenzen. Leise raunte
Vor sich hin die junge Königstochter:
»Menschen, weshalb preist ihr nur den Frühling?«

Und sie trat hinaus aus hoch umschloss'nen
Palmengärten, eilte durch die Felder,
Durch die blumenfrohen, bunten Wiesen,
Wo sich junge Gräser zärtlich küssten.

Sinnend hing ihr stilles Aug' an diesen,
Sah hinaus in lichtdurchscheinte Weiten,
Sah die Schwalben tanzen durch den Äther,
Und sie schüttelte die hellen Locken.

Einmal aber war's so märchenselig
Draußen in der gold'nen Frühlingsstimmung,
War's so schön wie nie.
Die Glocken sangen
In den Dörfern rings, als wär' es Sonntag.

Winde läuteten die frommen Glocken,
Junge, übermütige Frühlingswinde,
Alle Menschen falteten die Hände,
Und die Blumen senkten ihre Häupter.

In dem knospenroten Tannenwald
Stand die Königstochter und sie lauschte
Jenen Tönen und zum erstenmale
Klang ihr ahnungsvolles Herz mit ihnen.

Da berührte sie ein warmer Odem,
Und ein Jünglingsarm schlang zärtlich-schüchtern
Sich um ihren Leib.
»Phylander!«
»Iris!
Kannst du heute zürnen, heute! heute!
Hör die Glocken, sieh die Himmelsschlüssel
Die das Paradies uns öffnen, glänzen,
Sieh der tausend Purpurflügel Tanz,
Frühling, Frühling ist's, o Iris, Frühling« - - -

Und er neigte sich auf ihre Lippen
Tief herab. Die junge Königstochter
Sah mit großen Augen in den Himmel,
Hörte ferne, selige Glockenklänge. - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

»Bist so bleich, mein Kind,« sprach mild der König,
Doch ein tiefer, strahlend-froher Blick,
Traf ihn aus den dunklen Jungfraunaugen.
»Niemals war ich noch so froh, mein Vater.«

Öfter ging sie hin zum Walde, öfter
Saß sie einsam dort viel' lange Tage,
Saß im Lenz, im Sommer, aber niemals
Nahte jene Stunde neu verkörpert.

Mondlicht sah sie wandeln zu den Dörfern,
Wo die Glocken einst so selig klangen,
Mondlicht sah sie Himmelsschlüssel suchen,
Nimmer fand sie den zu ihrem Himmel.

Große Trauer ging da durch die Lande,
Iris, sie, die holde Königstochter,
War erkrankt an einem schweren Leide,
Das kein einziger Arzt zu bannen wusste.

Jeder Morgen sah sie schwächer werden,
Einer Säule weißem Rauches glich sie,
Die ein Windhauch jäh verflüchtigen konnte.

Eines Abends trat der Arzt zum König,
Und er sprach nichts als das Wörtchen: »Heute!«
»Heute!« rief der König und er stürzte
Auf die Knie vor seinem kranken Kinde.

»Iris, Liebling, sage, gibt’s auf Erden
Nichts Erschaff'nes, das dich deinem Vater
Wieder gäbe? Wunder möcht' ich wirken!« - - -

Da erhob sie ihre müden Augen
Sanft zu ihm und leiser Schimmer färbte
Ihre alabasterbleichen Züge.

»Wunder möchtest du aus Liebe wirken?
Nun, so wirke sie. Im Frühling küsste
Mich Pylander, zürne nicht, der Hirte.
Nur sein Kuss gibt mich dem Leben wieder.« - - -

Wortlos schlug der Königsgreis die Hände
Vor das Angesicht, dann ging er langsam
Von dem Bette seiner blassen Tochter,
Um den braunen Hirten aufzusuchen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Frühling war's. Auf sonnigen Wiesen spielten
Junge Blumen, wiegten gold'ne Falter
Sich im Blau. Die knospenroten Wälder
Glichen einem weiten Brautgemache.

Langsam wandelte in weißen Schleiern
Aus den hochumschloss'nen Königsgärten
Iris, die dem Leben Neugewonnene.

Sachte tritt sie in den Wald, da grüßen
Ferne Glocken sanft, da neigt sich leise
Auf das Königskind ein hoher Jüngling.

»Iris! Frühling ist es! Lang geschmachtet
Hab' ich nach dem lieben Antlitz. Ehrfurcht
Hielt mich ab, auf's neue dir zu nahen. - - -

Frühling, Iris!« Und er beugt sich nieder
Zu den Rosen, die entgegenblühen
Seinem Munde. »Frühling, Iris ist es.« - - -

Glocken läuten in den Tälern unten,
Himmelsschlüssel glänzen in den Wiesen,
Aber sie vernimmt kein Glockenläuten.

Ihre Augen sehen keinen Himmel
Denn sie sind geschlossen. Festgeschlossen
Ruhen alle Sinne, nur die Lippen
Küssen, trinken, nur die Lippen wachen. - - -

»War's wie damals?« fragte mild der Vater,
Als sie spät, im leisen Mondenglanze
In die hochumschloss'nen Palmengärten
Langsam mit gesenkter Stirne eintrat.

Weinend sank sie an die Brust des Edlen.
»Nein, mein Vater! Keinen Himmel sah ich,
Und ich hörte keine Glocken singen,
Nur sein Kuss erfüllte meine Sinne.

Vater, Vater! Kann es nimmer werden
So wie einstens.« - - -
Heiße Kindersehnsucht
Schluchzte aus der Brust der Königstochter.

»So wie einstens!« - - -
Mondlicht rann hernieder,
Und das greise Männerhaupt sah träumend
In die dämmerhafte, weiße Helle.

»So wie einstens! Küssen und den Himmel
Spüren über sich und beten küssend,
Ist nur einmal möglich, liebe Tochter,
Wenn die Liebe küsst zum erstenmale.« - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Bleich blieb Iris.
Sah den Hirten nimmer.
Träumen war ihr Leben, langsam Welken.
Kann ein Sterblicher wohl Erd' und Himmel
In der engen Brust zugleich umfangen?


Der Gast

In meiner Kammer,
wo die Sonne es sieht,
Sitzt im weißen Kleide
mein jüngstes Lied.

Sitzt da und lächelt:
nun diene mir,
bin deshalb kommen
so schön zu dir.

Ich aber knie
ganz stumm mich hin,
mir ist, als ob ich
im Himmel bin.


Der stolzen Fraue Glück und Elend

In stiller Nacht, im Spiegel eines Traumes,
Sah'n ihre Seelen sich zum erstenmal.
Dann, als das Schicksal sie zusammenführte,
Da glich ihr Finden einem Wiedersehen.

Sie liebte es, in leiser Sternennacht
Entleg'ner Pfade Schweigen aufzusuchen,
Im Schoß der schönen Zauberin Einsamkeit
Das Haupt zu betten, rätselhafter Tale,
Geheimen Zwiegespräch zu lauschen.
Einstmals
Begegnete auf mondbeglänzten Wassers
Ihr Boot dem seinen. Neidisch sah sie es
Hingleiten lautlos durch die weichen Fluten,
Nicht mehr allein gehörten ihr die Sterne,
Der Nacht geheime Wunder sah ein Zweiter.

»Ich lieb' was du liebst«, gab er stolz zurück
Auf ihre Frage.
»Deshalb liebst du mich.« - -
Er schwieg. Sie legte leise ihren Mund
Auf seinen.
Da entrang ein Schrei des Glückes
Sich seiner Brust. - - - - - - - - - - - - - -
Kein Heute und kein Morgen kennen, fremd sein
Für alle, nur für eine Seele nicht,
Kein Sparen kennen, Gott die Fülle rauben,
Als Ich im Du vergeh'n, das ist die Liebe.

Am Abend eines gold'nen Junitages
Verwehte Blüten aus den Locken schüttelnd,
Rief jene Frau der Wonne sich bewusst,
Die sie ihm schenkte:
»Wie, wenn plötzlich Sturm
Vom Himmel stürzte und mich dir entzög,
Vermöchtest du zu leben?« - - -
Und er lächelnd:
»Welch' wunderliche Frage, lass mich sinnen,
Ich glaube: nein!«
»Du glaubst nur?«
»Aber Kind!«
Die Nachtigallen schwiegen bang, die Frau
Sah ihn beschwörend an.
»Ich glaube: nein!«
»Vermöchtest du zu leben ohne mich?« - -
Darauf ein langer, sie liebkosender Blick
Voll wehen Vorwurfs: »Ja!«
»Ja, ich könnt's!« - - -

Der Mond verbirgt sich hinter Wolkenhügeln,
S'ist kühl geworden, kühl und still auf einmal.

Mit müden Schritten geht die Frau von dannen,
Doch plötzlich hält sie, läuft zurück und wirft sich
An seine Brust:
»Wer ist's, der mich des Szepters
Berauben will, wen liebst du mehr als mich?«
»Die Arbeit!« - - -
Schnee. Im leergeword'nen Garten
Auf nacktes Astwerk stürzt sich müd' der Winter
Und blickt ins Land hinaus. Mit steifen Flügeln
Bewegt sich lautlos hie und da ein Vöglein.
Es schweigt die Liebe.
O du stolzgekrönte
Du demantharte, flammenzungige Liebe,
Du trotzige Streiterin, wirf endlich ab
Den schwerterblanken Harnisch deines Hochmuts,
Begehre nicht in heißem Ungestüm
Die ganze Lichtwelt eines Menschengeistes
Für dich! Ein Platz, ein kleiner Platz genügt
Im Herzen deines Liebsten. - - -
Sie schüttelte die zorngesträubten Locken.
»Nur Königin oder nichts.«
Sie floh verblutend.
Er schwieg in stolzem Trotz, er schwieg sich tot.

Von neuem kam der lange blaue Sommer.
Von neuem gaukelten im Gold der Lüfte
Entzückte Lerchen, bebten junge Blumen
Im Arm des Windes.
Aber ihre Kähne
Begegneten einander nimmermehr
Auf silbernen Gewässern. - - - -
Und von neuem
Fiel eisiger Reif vom grauen Himmel nieder,
Verwischte Frost der Blumen letzes Lächeln.
Mit wunden Füßen zog die Frau dahin,
Von Land zu Land, von Stadt zu Stadt.
Einst sank sie
An seinem Grabe nieder.
»Dornenpfade
Will ich, die Stolzeste, in Demut gehen.
Nur eine Gnade sollst du Hehrer schenken
Der Büßerin: In meinem Todesstreit
O wolle dich auf gold'nem Fittig senken
Herab zu mir, aus Deiner Ewigkeit.
Zu Füßen meines Lagers stehe dann,
Reich' mir den Kranz, den Kranz aus lichten Myrten,
So rufe aus des Lebens dunklen Bann
An deine Brust, die Seele der Verirrten.« - -
Auf ihrem Wege sah sie viele Türen
Geöffnet, die hinüberführten, viele.
Sie aber wollte harren, bis ihr Gott
Mit mächtigem Finger auftat seines Reiches
Geheimnisvolles Morgentor.
Die Kraft,
Die – eine unsichtbare Feuersäule -
Natur in ihr entfacht, verlöschte endlich.
In fremden Land vor einer nieder'n Hütte
Brach leiderschöpft die müde Frau zusammen.
Mitleid gab ihr ein Stübchen, denn der Tod
Begann mit ungeduldigen Händen schon
An ihrem Kleid zu zerren.
Langsam glitten
Der Nacht geheimnisvolle Schwingen nieder,
Die Töne und die Menschen schliefen ein,
Und Stille wuchs im Dunkel.
War's ein Windhauch,
Der über letzte Sommerblumen fuhr?
War's einer Menschenstimme schwaches Stammeln,
Das da im Dunkel hörbar kaum erklang?
»Nur eine Gnade sollst du Hehrer schenken
Der Büßerin: In meinem Todesstreit
O wolle dich auf gold'nem Fittig senken
Herab zu mir, aus Deiner Herrlichkeit.
Zu Häupten meines Lagers stehe dann,
Reich mir den Kranz, den Kranz aus lichten Myrten,
So rufe aus des Lebens dunklen Bann
An deine Brust, die Seele der Verirrten.« - -

Da bersten wie zerspringend' Glas die Wände
Der engen Kammer und der Sternenhimmel
Die Freiheit Gottes, breitet golden sich
Der Sterbenden zu Häupten aus.
Ein Mann
Mit milden Zügen neigt sich zu ihr nieder.
»So fragelos und antwortunbedürftig,
Glückselig schon im Glauben, liebt die Liebe. -
Nun kennst du sie. Komm mit in meinen Frieden« - -
Und seine Lippen nehmen von den ihren
Die weiße Seele. - - - - - - - - - - - - - -


Die alte Jungfer

Niemand zu Liebe, niemand zu Last,
Ist sie erloschen und verblasst.

In ihrem Stübchen sann sie und sann
Bis ihr einsames Leben darüber verrann.

Keiner hat nach ihr die Hand ausgestreckt
Und die flügelgebundene Seele erweckt.

Keiner hat in der Sommernacht
Zu seligem Weinen sie gebracht.

Und doch flogen Locken auch ihr ums Gesicht,
Und ihre Augen glänzten jung und licht;

Und doch schlug auch ihr in verschwieg'ner Brust,
Die Sehnsucht nach Sonne und Frühlingslust.

Niemand zu Liebe, niemand zu Last,
So ist sie erloschen und verblasst.


Der Ungläubige

Sie hatten ihn in seinem Sessel sacht
ans Fenster hingerollt.
                             Die Sonne sank;
auf allen Gärten lag ein Purpurschimmer,
ein strahlend Licht, das jede Kreatur
mit einem goldnen Heiligenschein umwob.
Von Duft berauschte, laue Abendwinde
erhoben sich und brausten durch die Bäume,
und spielten mit dem Schnee der jungen Blüten,
und sträubten kleiner Vögel zart Gefieder,
dass sie mit Jauchzen in das Rot sich stürzten ...

Der Kranke sah mit weichem Blick hinaus
und faltete die abgezehrten Hände.
»O Gott, du großer, mächtiger Herr und Meister
des Wunderwerkes Welt, du hoher Künstler,
der Frühlinge wie junge Rosen flicht
ums altersgraue Haupt der Ewigkeit,
der in den schwarzen Äther güldene Bälle
hinzauberte, damit sich seine Augen
am Farbenspiel ergötzen, der Musik
in grüne Wälder goss, die Purpurmeere
mit Perlen und mit köstlich reichem Luxus
erfüllte, der den dunklen Schoß der Erde
mit Gold- und Silberschätzen schmückte, du,
du großer Bildner, Hingerissener
von deinen Schöpfungsplänen, du Jehova,
Unauszusprechender, wie, du befasstest
dich mit dem Schicksal deiner Kreaturen? ..
Du wüsstest, wenn von meinem Haupt ein Haar
zu Boden fällt, wenn Kränkung meine Brust
erschütterte, wenn meine Wünsche eitel,
mein Traum und Hoffen trog?
                                      Du der Gewaltige,
der Große? Ach! du kennst mein Kümmern nicht,
kennst nicht den Schrei, der oftmals meinem Mund
in dunkler Leidensstunde sich entringt.
Wie sollt auch ... du und ich! Vermessenheit,
nach dir zu nennen jene Eintagsfliege,
den Menschen ...«
                         Draußen waren finster worden
die lichten Gärten. Einsam lag der Kranke.
Er wollte rufen, schreien .. doch sein Odem,
wie ein erfroren Vöglein, blieb ganz stumm
in seiner toten Brust.
                           Ein hoher Jüngling,
mit langen Schwingen, neigte sich auf ihn
und nahm von seinen Lippen seine Seele.
»Du gar zu demütig Bescheidne du,
komm mit zum Herrn!«
                             Und in die weichen Flügel
die scheue Seele hüllend, steigt er auf
in einen unabsehbar weiten Saal.
Milliarden schöner lichtumflossner Menschen,
durchsichtig wie die Luft und schlank wie Blumen,
von denen Jeder eine Krone trägt,
umringen Einen.
                     Furchtbar ist sein Antlitz,
und unbewegt der starren Schläfe Erz.
Doch Brüste, wie sie eine Mutter hat,
verkünden seiner Gnade rinnend Mitleid.

Er blickt die Seele an ...
                                 »O Frevlerin
aus zager Demut! Wär ich, der ich bin,
wenn ich nur Großes fasste, Herrliches,
das mir verwandt?
                         Das ist der Allmacht Fülle,
dass sie, die Welten baut, des Wurmes Nerven
in ihren Fingern spürt, dass sie das Rollen
der Sonnen nicht verhindert, zu vernehmen
den Flügelschlag des Schmetterlings.

                                                  Hier komm
und trinke Wissen, Kraft und Schönheit, trinke
mein Blut, das deins ist.
                                Da entfalten sich
der heiligen Scharen goldne Schwingen rings;
ein jauchzendes Tedeum braust gewaltig
durch alle Himmel.
                        Gnadeüberwältigt
hinstürzt die Seele an die Brust des Herrn.


Die Liebestat

Dürftig das Dörfchen, dürftig das Feld,
ein einsamer Baum drauf Wache hält.

Nie hielten sich Zwei in seinem Schatten umpresst,
nie baute ein Vöglein bei ihm sein Nest.

Auf steinigem Grund lag die Wurzel krank
und wusste dem Dasein wenig Dank.

Es zogen Lenze auf Lenze vorbei,
doch den kranken Baum verschönte kein Mai.

Das blässliche Haupt zur Erde gesenkt,
glich er dem Bettler, der an sein Elend denkt.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Da, eines Abends war's zur Frühlingszeit,
kam langsam übern Weg ein junger Mensch,
mit Augen weit und voller Herrlichkeit.

Er sah das öde Feld, den Baum, den kranken,
die Zweige, die so ärmlich dürr und nackt,
und sann, von einem strahlenden Gedanken,
von einer göttlichen Idee gepackt.
Der Baum sah still den Mann vorübergehen.

Und einmal nahten viele, viele Menschen,
und drängten heimlich staunend sich um ihn,
als wär ein hohes Wunder hier geschehen.

Und rührige Hände spendeten ihm Trank,
und lockerten das Erdreich um ihn her,
und gruben, hackten, bis er glatt und schlank.

Der Baum, erschüttert bis ins tiefste Mark,
sah selig staunend diese fremden Gäste,
er fühlte sich mit einem Male stark,
und streckte, dehnte seine hagern Äste.

Vor Freude ward er blühend ...
                                          Eines Morgens
erlebte er das schönste Frühlingsfest:
Zwei Vöglein drangen in sein dichtes Laub,
und bauten sich an seiner Brust ihr Nest.

Weit in die Winde seine Flocken streuend,
dass alle, die ihn sahn, vor Freude lachten,
besann er sich: wie ward mir solches Heil,
mir, dem Verkümmerten, mir, dem Verachten?

Ein heilig Dichterauge, weich und stolz,
hat dich erblickt und Wunder sprießen lassen,
o Baum, aus deinem halbverdorrten Holz!


Die verstoßene Seele

Lange Zeiten waren hingegangen ..
einförmig in weiten stillen Triften,
wo im Lichte eines bleichen Mondes
keiner Blume Kelch sich öffnen mochte,
keiner Quelle muntrer Sang ertönte,
keiner Morgenröte festlich Leuchten
frohe Stunden kündete, da wohnte
mit Gefährten stumm und düstern Sinnes
eine Seele.

               Unbefleckt glänzte
ihr Gefieder, nur ein kleines Fleckchen,
nah dem Herzen, schimmerte noch dunkel.
Dieses Fleckchen war ihr Schmerz, ihr Kummer;
war es fort, dann durfte sie zum Heiland,
zu den Freunden, die ganz weiß und herrlich
goldne Harfen rührten, ihm zum Preise.

Und die Seele warf sich hin und flehte:
»Christus, Gott der Milde, neig dein Ohr mir
und erhöre meine heiße Bitte.
Leihe mir der Menschen Form und Antlitz,
dass ich durch ein neues reines Leben
jenen Fleck von meinem Herzen tilge«.
Und der Herr vernahm den Wunsch der Seele.
»Magst du jenen Dornenweg durchwandeln;
suche Eltern dir und geh zur Erde«.
Selig breitete die kleinen Flügel
nach der Erde aus die frohe Seele.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Schlank und wonnig, alle Welt bezaubernd,
angebetet von dem jungen Gatten,
blühte eine Frau in Spaniens Hauptstadt.
eines Morgens, als sie tändelnd spielte
vor dem goldnen Spiegel, sich berauschte
an der eignen Schönheit, pochte schüchtern
an ihr Herz ein heimlich fragend Stimmchen:
»Möchtest du, o Frau, mit deiner Holdheit
Überfluss ein kleines Seelchen kleiden,
Form ihm geben, Form von deinen Formen?
O dir blieb genug noch, dich zu freuen
an der Gnadenschönheit deines Leibes«.

Tief errötend fuhr die junge Frau auf,
raufte sich das Haar in heißem Abscheu:
»Wie, ich sollte als die Ältre weichen
einem neuen Stern, der mich als Nahrung
seines Glanzes nur benützte? Nimmer!
Eher töt ich mich mit eignen Händen«.

Und das Seelchen flog bestürzt von dannen,
kam zu einem hagern, ernsten Weibe,
das vertieft in einen Folianten
brütend dasaß. »Holtest du nicht lieber,
statt aus alten Blättern, aus den Augen
deines Kindes letzte Weisheit dir?
»Welcher törichte Gedankensprung!«
Mürrisch fuhr die Frau sich übers Antlitz.
»Was wohl aus den Schätzen werden möchte,
die ich einst der Welt zu geben hoffe,
müsst ich »Huckepack« und »kochen« spielen?
Lieber als zur Kindsmagd mich erniedern,
lieber - Gift verschläng ich auf der Stelle«.

Traurig schlich das kleine Seelchen weiter,
ratlos. Wo, wo lag die milde Herberg,
wo das Herz, das sich ihm aufschloss?

                                                  Tannen
dufteten mit süßem Atem würzig
in das stille Zimmer, dessen Boden
schwere Teppiche bedeckten. Flüsternd
gingen leise Diener, Ärzte, Zofen,
aus und ein. Am Sofa lag, in Spitzen
halb verborgen eine blasse Dame,
und verhüllte weinend sich das Antlitz.
»Dieses Leben! Nichts als Schmerzen, Schmerzen.
Eben zerrt die Vene da, die Nerven
zappeln wieder, in den Schläfen brennt es ...«
Ungeduldig schleudert sie die Decke
von sich ab.
                 »O möchtest du nicht, Liebe,
statt so unablässig zu belauschen
deiner Pulse leiseste Bewegung,
wachen über eine kleine, junge
Menschenpflanze, die aus dir erblüht ist?«
»Ich ein Kind? Ha, schon das bloße Denken,
dass ich einem Kind das Leben schenkte,
macht mich krank, ich, die so Zarte, Schwache,
nein, ein Selbstmord wär's, ein frevler Selbstmord,
lieber wahnsinnig, als Mutter werden ...«

Müde sank das Seelchen hin; dann nochmals,
galt es ja soviel, die ganze Zukunft, -
rafft sichs auf, und wandert weiter.

                                                Schäkernd
neckt mit ihrem Manne sich ein Frauchen,
während sie zu Zahlen hinfügt Zahlen.
»Du, wenn wir noch sparen, hörst du, sparen,
wird das schöne Haus am Walde unser.
Höchstens noch drei Jahre, dann: Madame,
nennt man mich, und du, du bist ein Hausherr,
aber: sparen, sparen«.
                               »Möchtest du nicht,
lieber als ein Haus, das Flammen fressen,
Wasser von der Erde tilgen können,
Stürme schädigen, als ein totes Steinhaus,
ein lebendig Herz voll warmer Liebe,
die nicht Sturm noch Feuer töten kann,
ein geliebtes Kind dein eigen nennen?«
Und die junge Frau fährt sich erschrocken
vor die Stirne.
                    »Wenn wir zwei .. allein,
wenn allein wir bleiben, wird es langen,
nur .. kein drittes, ... dann verwandelte
in ein eitles Luftschloss sich mein Häuschen,
nur kein ... drittes .. Hassen würd ichs, hassen«.

Da erhob das kleine Seelchen weinend,
flugbereit die müdgewordnen Schwingen.
»Herr, mit meinem Flecken kehr ich wieder,
denn ich fand auf Erden keine Mutter.«


Du Lose!

Meine buhlende Seele, was hast du gesehn?
rote Scheine über deine Züge gehn,
dein Jauchzen, deine psalmende Lust
wie Pfingstgesang aus junger Brust!

Schlichst du in eines Künstlers Traum?
sahst du Vögel sich küssen im Birnenbaum?
hast du einen Sterbenden lächeln gesehn?
sahst du ein Kindlein durch Blumen gehn?

Ist irgend wo eine Welt entbrannt?
hat ein Volk sich zu kühnen Taten ermannt?
hat ein Käfer sein kleines Bräutchen gefreit?
vergaß ein Glücklicher die Zeit?

Meine buhlende Seele, was hast du gesehn?
musst immer abenteuern gehn,
musst immer mit durstigen Kinderlippen
an allen Kelchen Gottes nippen.

Wart du Neugier, will dir die Flügel beschneiden!
Wie, was sagst du? auf einer grünen Weiden
fandest du zwei im Grase träumen,
zwei, die in Sehnsucht sich heiß verschäumen? ...

Und? ... »Und er glättete ihr das weiße Gewand
und strich durch ihr Haar mit stiller Hand ...«
und? .. »und .. nichts. Der Becher zum Überfließen
tat keinen Tropfen seines Weines vergießen ...«

Und darum dein Jubeln, dein heimlich Klingen,
du buhlendes Seelchen mit leichten Schwingen,
und darum dein im Feierkleid Gehn ...
Warst etwa ... dus selbst, die du gesehn?


Ein Jahr

Träumende Blumen, nickendes Gras,
von Käfern ein gülden Gewimmel,
ein Rauschen wie rieselnder Blätter Fall,
und drüber der blaue Himmel

Am Boden flimmerndes Silber verstreut,
die Sträucher in weißen Schleiern,
kein Windhauch, kein wachender Vogellaut,
nicht endenwollendes Feiern.

Es klopft wie mit Kinderfingern
ans sonnenlaue Eis,
und in den nassen Zweigen,
da regt sichs fragend leis.

Um Rosen braune Falter,
ein Neigen von Ast zu Ast,
die Blüten voller Honig,
die Nester voll junger Last.

Und wieder träumende Blumen,
der Käfer gülden Gewimmel,
der müden Blätter Rieseln,
und drüber der blaue Himmel.


Entlarvung

Im blauen Odinsmantel trat ein Wandrer
vor eine Frau und warb um ihre Seele.
Er warb, wie Herrscher werben. Nicht mit Worten,
und nicht mit Blicken.
                             Seine Rechte glitt
auf ihre Stirn, und, einer goldnen Last gleich,
hat diese Hand aufs Knie das Weib gezwungen.
Wie eine weiße Opfertaube gab sie
die Seele hin dem kühnen Seelenwerber.

Da aber sank der blaue Mantel nieder.
Ein Jüngling, schön wie Evas Erstgeborner,
stand hauptaufreckend vor der Zitternden.

»Hinweg der Trug! Nur Schwachen nahe ich
in Odins Göttermaske. Dir o Weib
zeig ich mich wahr: als Adams nackten Sohn,
der seine Arme streckt nach deinem Leib«.

Die Frau entfloh voll Graun. Die Törin die!
Die Perle hat der Trüger ihr geraubt,
was bangt ihr nun die - Schale hinzuwerfen?


Frühlingsnacht

Auf den stillen Feldern träumt das Mondlicht
seinen weißen Traum und küsst die Blumen,
bis sie blass und blässer werden. Silbern
glänzt der Teich im Tann; wie schneeige Schleier,
die versteckte Nixen von sich streifen,
blitzt auf seiner spiegelklaren Fläche.

Weiße Rauche dampfen aus den Talen,
wo der Armut Hütten lichtverklärt sind
und vertraute Grüße lautlos wechseln
mit des kleinen Kirchhofs niedern Kreuzen ..

Weißer Friede, weißer weicher Friede ...


Ganz

Ein großes Unglück ist geschehn zu Giarre;
das Kruzifix beim Pinienwäldchen dort
ist Zeuge dessen.
                         Nina und Roberta,
zwei Tigerinnen aus Siziliens Brut,
entbrannten beide heiß für einen Mann.

Die eine weich und blond wie Palmas Tochter,
mit einem Lächeln, das die Männer toll,
die Kinder jauchzen machte, launenhaft
wie bei des Monds geheimnisvollem Wachsen
die See, Roberta, hohen Wuchses, braun,
despotisch, rau, gefürchtet von den Freunden,
gefürchtet selbst von Jenem, der sie liebte.

Er liebte sie, der junge Sohn der Griechin;
besaß sie doch, was ihm, dem Mann, versagt war,
dämonische Willenskraft, tollkühnen Trotz.
Doch Nina, Nina mit dem Venuslächeln,
mit ihren weichen Gliedern, Nina glitt
wie flüsternde Musik durch seine Träume.
Sie war sein Luxus, war der seidne Fächer,
der seiner Seele linde Kühlung gab,
war das Juwel im Ringe seines Lebens,
der Diebstahl seiner trunknen Phantasie.

Roberta ahnte dunkel sein Geheimnis.
Und einmal trat sie drohend vor die Blonde
und nahm sie an der Hand.
                                    »Du, hüte dich,
Ich teile nicht mit dir, ich liebe ganz ..
du oder ich«.
                  »Und wenn - ichs wär«.

                                                  Roberta
starrt sie mit aufgerissnen Augen an;
dann sinkt ihr Blick zur Erde schicksalsfinster.
»Ich will ihn fragen, will ihn .. höre, ich ..
zur Stund der Ebbe harr ich deiner hier,
entscheide dich und - denke meiner Worte,
denk ihrer, hörst du es? Ich ... teile nicht«.

Die Blonde holt tief Atem. Eisiger Schauer
hat sie erfasst bei diesem starren Blick.
Sie ahnt Gefahr für jenen, den sie liebt,
den Sohn der Griechin. Ihre heitern Züge
verwandeln sich. Die Zähne tief vergrabend
in ihre roten Lippen, geht sie heim,
und weint und sinnt, und betet zur Madonna.

Am andern Morgen sucht sie zeitlich auf
die Stelle, die Roberta ihr genannt.
Nach nimmer endenwollenden Sekunden
erscheint die Freundin statuenhaft und kalt.

»Ich komme, dir zu künden«, spricht sie ruhig,
»dass ich - dort unterm Kreuz wars, ihn getötet,
ich kann nicht teilen ...«

                                 »Und ich« schreit die Blonde,
in ihre Knie brechend, »wollte dir sagen,
dass ich um seiner Ruhe willen mich
entschloss, von ihm zu lassen ...«

                                             Welche wohl
von ihnen beiden, hat ihn mehr geliebt? ...


Geburtstagsgruß

Heut war dein Todestag. Ich konnt nicht beten,
ich konnt nicht weinen; müde schwieg mein Herz.
Zur Nachtzeit war ich in den Wald getreten;
starr lag er da, wie eine Welt von Erz.

Schläfst du denn, Leben? Will sich gar nichts regen?
Mich dünkt, ich selber wär vor Leid versteint.
Es meidet mich der Tränen linder Segen,
und dieser Nacht bleibt selbst ihr Tau verneint.

So still, so ernst, so bleiern! Mitternacht!
Wohin hat sich das Leben denn verkrochen?
Als ob der Tod mit seiner schwarzen Pracht
erdrückt des Erdenherzschlags lautes Pochen.

Da ... nein, das .. ist ... o Gott, das ist ja Traum,
das muss ja Traum sein, denn die Wirklichkeit
erdichtet solche Wundertaten kaum ...

Ein Vogel singt, um Mitternacht! .. ganz leise,
als flüstern liebe Lippen, singt er; schauernd
beugt sich mein Knie der wunderbaren Weise.

Das ist kein Vogel, was da oben singt,
das ist die fleischgewordene Erbarmung
der ewigen Liebe, die den Tod bezwingt
und Starres weckt zu seliger Erwarmung.

Und plötzlich dünkt der Wald mich ganz erhellt,
in weißen Kränzen seh ich Wesen gleiten,
die lichten Söhne einer andern Welt,
die nach der Schwester ihre Arme breiten.

Heut ist dein Todestag! Nun kann ich beten,
nun kann ich weinen ... Freudenthränen weinen ...


Gesicht

Weit, weit ..
weiße Tiefen,
kein Unten, kein Oben,
weit, weit ...

Nicht Töne, kein Pulsen,
nicht Licht, nicht Schatten,
weit, weit ...
weiße Tiefen,
ringgleich geschlossen
kein Unten, kein Oben,
weit, weit .....

Aus der Mitte des Kreises
gähnen zwei Höhlen,
Höhlen, spottend
irdischen Raummaßes.
Ungeheuere Höhlen:
Jahves Augen ...

Brennend quillt aus ihnen
sein Wille hinaus,
sein Wille,
die große Farbe,
in der entsetzlichen Winterlandschaft
die einzige Farbe ...

Wenn sie sich schlössen
diese Augen? ...


Glückseligkeit

Durch mein Fenster kommt der leise Vollmond,
kommt und küsst mich zärtlich auf die Lippen,
»Törichte, so kalt und lustverschlossen,
willst du nicht von meinem Tranke nippen?

Sieh, schon lange bin ich tot, und dennoch,
helle Friedensströme gießt noch immer
mein erloschen Sein auf deine Menschheit,
denn es stirbt die Saat der Lichten nimmer«.

Stirbt sie wirklich nicht, du leiser Vollmond?
Wird dereinstens auch von meinen Bahnen
milder Glanz in müde Seelen träufeln
und sie an ein flammend Leben mahnen?

Aber nein, mein lieber leiser Vollmond,
will nicht denken an den Tod, den herben,
denn, dass ich dir's sag, nicht träumen kann ichs,
und nicht ahnen, wie es ist: zu sterben.

»Wie es ist? So lausche!«
                                  Lautlos schwindet,
wie von kühlen Flügeln fortgetragen,
aus dem Kämmerlein der leise Vollmond,
Finsternisse aneinander jagen ...

Dunkles Huschen, Flüstern, eisige Hauche.
Mir beengt die Brust ein banges Sorgen ..
Da zerreißt die Nacht, im goldnen Rauche
steigt empor ein siegeslichter Morgen.

Das hieß sterben? Aus dem einen Leuchten
in das andre Leuchten weich versinken?
O mein lieber, weiser, stiller Vollmond,
lasse mich von deinem Glanze trinken! ..


Hurrah, heil!

Rote Locken umflattern mein Angesicht,
hüpfende Flammen.
Hurrah, heil!

Meine schlanken Hüften umgürtet ein Schleier;
wer ihn löst, erblindet.
Hurrah heil!

Brennender Mohn und blaublumiges Giftkraut
sprießt unter meinen Fersen auf.
Hurrah, heil!

Meine Lippen sind heiß wie der Schrei der Lust,
süß wie weinende Sünde.
Hurrah, heil!

Feuer ist mein Hauch, mein Nein der Tod,
mein Ja die wiehernde Hölle.
Hurrah, heil!

Weißt du, weißt du, wer ich bin?
es rauchen die Wälder vor mir,
und die Himmel betrinken sich in meinem Laut:
ich bin die Liebe!


In Glorie

Er kleidete in weiche Seide sich
und trank von Weinen, davon jeder Tropfen
so teuer kam wie eine edle Perle.
Sein Haus, mit Werken hoher Kunst geschmückt,
umgab ein Park, in dem die schönsten Vögel,
die Nord und Süd gebiert, ihr Preislied sangen.

Wo Park und Wald zusammenstießen, lag
ein silberklar Gewässer. Sommernachts,
wenn Mondlicht auf den weichen Fluten spielte
und aus dem Thale sanfte Flöten tönten,
gab er des Leibes heiliges Geheimnis
den Wassern preis, und küsste junge Schwäne,
die, ihre Flügel öffnend, zu ihm schwammen.

Ein zärtlich Lächeln lag um seinen Mund,
in seinen scheuen märchentiefen Augen,
den weichen Kinderaugen; und doch war
ein Tiger dieser Mensch .. der Purpurtrank,
den seine Lippen schlürften: rauchend Blut,
das Haus des Friedens, drin er wie ein Priester
im weißen Kleide hinschritt, aufgebaut
aus Raub und Diebstahl.
                               Mit der Priestermiene
ging er am Sonntag Morgen auf die Flur
und zwang mit seines Willens wilder Kraft
die stillen taubenetzten Sommerblumen,
dass sie ihr innerstes Geheimnis ihm
ins lauschbegierige Ohr bekannten, zwang
das leichtbehufte Ross auf weiter Pußta,
den singenden Delphin in blauer Meerflut,
den lavaroten Krater, weiße Gletscher,
den goldnen Mittag, die Johannisnacht,
die Sphinx: das Weib, dass alle alle sie,
von seinem wilden Wissensdurst bedräut,
ihr letztes heiliges Mysterium
ihm offenbarten.
                      Und er?
                                Schreiend vor Lust,
dem Adler gleich, der die gewonnene Beute
zur Sonne trägt, entfloh in dieses Tal,
und baute aus dem Golde der Erfahrung
sich hier sein Königshaus.
                                 Er war ein Dichter.


In Weiß

Schneeblüten auf meinem dunklen Haar,
O Winter, wie bist du so wunderbar!

Die Stille schmiegt sich an dein Gewand,
Und küsst im Traum deine reine Hand.

O Winter, Herr der seligen Ruh',
Sage mir Winter, wie ging das zu?

Als ich Liebe suchte in schmerzlichem Ringen,
Da quoll mir die Lippe über vor Singen.

Da barst mir die Brust schier vor Melodien,
Um das zweite Herz zu mir zu zieh'n.

Nun, da mich traf der Liebe Speer,
Nun find' ich Lied und Sang nicht mehr.

Und meine Seele, ängstlich gar,
Schloss zitternd ihre Flügel Paar.

Winter, mein Bruder, verstehst du mich? - -
Winter, mein Bruder, streu Sterne auf mich!!! - -


Kinderspiel

»Ich hab eine Zither, du ein blaues Band,
komm lass uns werden ein Paar!« ...
Er fasst nach ihrer braunen Hand
und bietet die Lippen ihr dar.

Sie küssen sich hungrig, sie küssen sich satt,
die Vöglein lauschen sacht;
es rührt sich in den Büschen kein Blatt;
nacktfüßig kommt die Nacht.

Die jüngsten Sterne gucken
neugierig auf die zwei,
ihre goldnen Wimpern zucken ..
zögernd ziehen sie vorbei.


Liebeszauber

Welch schwüle Pracht!
Die Luft voll Funken,
als ob die Sterne vom Himmel gesunken!
Im Gras, dem feuchten,
ein heimlich Leuchten,
ein Blitzen im Walde ..
Auf der Halde
ein Knistern und Knattern,
Flüstern und Flattern,
ein Rauschen in der Luft
wie vergossener Duft …
Heute bleibt kein Arm leer …
Ave, ave Johannisnacht!


Mädchenfrage

Als Kind hab ich oft geweint,
wusst nicht, warum,
nun muss ich oft heimlich lachen,
weiß nicht warum.

Es greift in meine Saiten
eine rätselhafte Hand,
ein Fremdes will mich leiten
in ein unbekanntes Land.

Seltsam wunderliche Gedanken,
die mein Wort nicht nennen kann,
baun um mich purpurne Schranken
und halten mich in Zauber und Bann.

Ich fasse dich nicht o Leben,
weiß nicht, wer wir beide sind,
weiß nicht, wohin wir streben,
wo ich mein Ziel wohl find.

Als Kind hab ich oft geweint
wusst nicht, warum ...
nun muss ich oft heimlich lachen,
weiß nicht, warum.


Nächtiges Elend

Das sind die singenden Nächte! - - -
Da wandelt durch meine Kammer
Tönender Schmerz,
Ein wildes, zerströmendes Schluchzen. -
Mein Herz
Kann nicht schlafen
Und weint. - - - - - - - - - - - - - - - -

Setz' mich dann auf den Bettrand,
Und beginn zu singen,
Wie Mütter, die ihr Kindlein
Zum Schlummern bringen:
Schlafe mein Herz, schlafe,
Schlafe. - - - - - - - - - - - - - - -


Phantasie

Wenns wirklich gäb ein jüngst Gericht!
Wenn auf flammendem Wagen,
mit erzenem Gesicht,
die letzte Schlacht zu schlagen
Christus zur Erde führ.

Wenn die heilige Schar
all der Jahrtausende,
Blumen im weißen, moosigen Haar,
für ihre Kinder: die Menschen, zu zeugen,
vor ihn träte.

Wenn zu beiden Seiten des Throns
wie farblose Mauern,
erstarrt in Angst und Schauern
die lautlosen Menschenmillionen stünden!

In ihrer Mitte
ein schmaler Gang,
darauf die gerufene Seele bang
hinwandelte vor sein Frageauge? ...

Ich hör einen Namen ...
Wie Halme im Sturm
sind plötzlich diese Lahmen.
Auf dem schmalen Gang
steht ein Weib
mit gesenktem Gesicht.
»Verteidige dich!«
raunt es hinter ihm.
Es verteidigt sich nicht.

Mit niederhängenden Armen
steht es stumm vor dem Richter,
und blickt in seiner Augen glimmende Lichter.

Was liegt in diesem Blick?
Vielleicht das Bekenntnis:
»Herr, zu arm bin ich,
um mich verteidigen zu können!«
Stille .....
Da fällt ein Tropfen
und noch einer, noch einer.
Ein Rieseln und Klopfen ..
es regnen die Augen all der Millionen ...


Die Flut quillt,
die Flut schwillt,
und von ihr getragen,
steigt die Seele der Sünderin
bis an die Brust des Richters

Wie ein bebend Vöglein
schmiegt sie sich
in die Höhle seiner allmachttragenden Schulter.
Er aber
presst den Arm an sich,
und lächelt ...


Raststätte

Ich weiß eine Kirche;
hochschlanke Säulen
tragen ihr köstliches Dach.
Nach Ewigkeit riechts
in ihrer Halle,
nach feuchtem Moder
und verborgenen Narzissen.

Liebfromme Sänger
singen Kantaten,
und amt den hohen
luftigen Thoren
wachen Winde
mit geschlossenen Flügeln.

Über den Säulen aber
Sah ich walten
das herrlichste Gnadenbild:
Die Morgensonne
tränkte die durstigen Wipfel der Bäume
mit frischen Quellen
stärkenden Lichts ...

O Wald, Wald,
du von heimlichen Liebesworten Gottes
Erklingender!


Trost

Es war ein Mensch voll derber Muskelkraft,
voll steten Hungers, heißer Phantasie,
voll übermütigen Trotzes, wie sie Stärke
erzeugt in dem robust Gesunden.

                                             Dieser
beging im Tage siebenmal so viel Sünden
als ein Gerechter. Mit der starken Faust
zerhieb er seines Nachbars Zaun und nahm sich
aus dessen Garten alle leckern Früchte,
die ihm gefielen.

                      Störte ihn ein Zweiter
bei einer seiner Tollheiten, so schlug er
ihn kurz entschlossen nieder.
                                       Dieser Wilde
erkrankte einst.

                      In langen Fiebernächten,
wenn bei der Lampe Schein die Wärterin
mit halbgeschlossnen Augen schweigend träumte,
da ging ein Schlürfen, Schreiten, heimlich Schleichen
durchs Zimmer hin, und halbvermummt erschienen
all die Verbrechen, die er einstens frevelnd
begangen hatte. Rotverschleiert trat
der Mord zu ihm und fletschte seine Zähne,
der Raub kroch wie ein großer schwarzer Hund
am Boden hin und zog an seiner Decke,
die Prasserei, ein eklig feistes Weib,
trat an sein Bett mit halbverwesten Speisen,
in dunkler Eisenrüstung starrt ein Ritter
mit bleichem Totenkopf ihn an: der Hass.

Und viele andre kamen noch herbei
aus allen Ecken. Schweißgebadet lag
der Kranke da und stöhnte; doch sie ließen
nicht von ihm, grinsend lagerten sie sich
an seiner Seite hin und sahn ihn an.

Und eines Nachts erhob er sich im Bette
mit Augen, die zwei Krallen glichen, die
sich wehren wollen vor Entsetzlichem.

»Ich sterbe ... dort ... die rote Hölle ... dort
... sie tut sich rauchend auf ... schon lecken Flammen
nach mir mit tausend Zungen ... Hülfe, Hülfe!«

Da legt sich eine Hand wie weißes Licht,
das sich zur Form verdichtet, sanft und stillend
dem Todesangstergriffnen auf die Brust.

»Vergeltung lebt auf Erden nur, sie hat dich
in ihren heißen Feuern schon geläutert;
dort drüben gibt's nur Frieden, keine Hölle.«


Vorabend

Sie hatten sich lieb, kein Mensch weiß wie lieb,
Und mussten sich trennen. - - - - - - - - - - - - - -

In der Fremde sitzt sie allein vorm Haus,
Mocht's daheim nicht länger ertragen,
Und sieht in die herbstkühle Welt hinaus
In stillem, totstillem Entsagen.

Da kommt durch die Luft ein tiefer Ton,
Als begänn die Sonne zu singen,
Die lautlosen Wälder klingen davon,
Der Magd will das Herz zerspringen.

Das ist der Pfarrglocke mahnender Mund,
Marientag ist morgen,
Das tut sie allen Frommen kund
Die sich im Herrn geborgen.

Und jetzt tönt's mit hellem Klang
Aus allen Dörfern drüben,
Es ist es hehrer Weihgesang,
Kein Turm ist stumm geblieben.

Es singt und klingt der eherne Chor,
Er singt und klingt so eigen,
Er trägt die müde Welt empor,
Will ihr den Sonntag zeigen.

Die Magd erhebt sich von der Bank
In tränenlosem Weinen,
Sie schleicht aufs Feld sich, müd und wank,
Ein Bild tät ihr erscheinen.

Wie heute war's – es ist ein Jahr -
Die Luft war voll Frohlocken,
Da hoben weich und wunderbar
Zu singen an die Glocken.

An seinem Arme schritt sie still,
Und keines sprach zum andern,
Sie hatten zu sagen sich allzuviel,
Drum taten sie lieber wandern.

Durch Wälder dicht und golden braun,
Durch Täler gingen sie hin,
Auf hohem Berg in seligem Schau'n
Fand sie das Abendglüh'n.

Auch damals war Marientag
Als sie von ihm geschieden,
Und morgen ist Marientag,
O Herr, gib mir den Frieden!

Es ruft ihr wunderkrankes Herz
Zum Himmel um Erhören,
Den Wald durchklinget jubelnd Erz,
Wie Sang aus Engelchören.

Da schreit sie auf in weher Lust,
Was herber Stolz erklügelt,
Zerschmolzen ist's in ihrer Brust,
Sie eilt dahin beflügelt. - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Sie kam zu ihm mit off'nem Haar
Und Wangen vom Wege warmen,
Ihre Augen leuchteten vollmondklar,
Sie starb in seinen Armen.


Vorfrühling

Als deine Mutter dich empfing,
die Welt in lauter Rosen ging:
drum gleichen deine Lippen einem Rosenpaar,
drum sind deine Augen so blütenklar.

Als deine Mutter dich empfing,
des Sommers Mund an der Erde hing:
deshalb mit so dürstender Gebärde
umschlingst du mich, deine liebe Erde.

Als deine Mutter dich empfing,
über meine Mutter ein Schauer ging.
Mond schien in ihren Mädchentraum,
sah Rosen an einem Lorbeerbaum ...

Woher?

Tiefblau der Himmel,
hell glänzt der Firn,
da fällt ein Tropfen
auf meine Stirn.

Ich wend mich um,
und spähe, spähe ..
nicht Wolken, nicht Menschen
in meiner Nähe.

Du schöner Himmel,
von Glanz umwoben,
sag, weinen denn
die auch dort oben?

Zu spät

Seine Seele steht in Flammen!
Als die schmachtenden Blumenlippen empfingen
Den Tropfen Tau, als auf Silberschwingen
Mondlicht flog an der Erde Brust,
Und beide sich küssten in heimlicher Lust,
In der heiligen Juninacht
Ist seine Seele erwacht.

Die Stirne im Staube lag er vor mir,
Er lag vor mir, er lag vor mir.
Seine Hände umschlangen meinen Leib,
Seine Lippen flehten: Sei mein Weib!
In der heiligen Juninacht
Ist mein Elend erwacht. - - - -

Ich bin gefesselt in erzenen Banden,
Die Ewigkeit hat dabei gestanden,
Als ich gegeben mein laut Versprechen,
Selbst ein Gott vermag sein Wort nicht zu brechen. - -

Heilige Juninacht!
Wie hast du mich stark gemacht!

 



 

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